You are currently viewing Die Welt des Pferdesports – bitter, süß, verlogen

Die Welt des Pferdesports – bitter, süß, verlogen

Olympia 2021. Pferdesport in harscher Kritik, egal, ob Vielseitigkeit, Springen oder Dressur – und jetzt der Fünfkampf. Wir sind nun angekommen, in Ostwinds Parallelwelt.

Eigentlich befinde ich mich ja in der Sommerpause. Dahin gehts auch gleich wieder zurück. Nachdem ja 82 Millionen Pferdesportexperten ihren Senf zum Thema dazugeben dürfen, entscheide ich mich fürs verbale Ketchup.

Ich knüpfe am Fünfkampf an. Die Bundestrainerin muss nach Hause, der Goldfasan wird geshitstormed. Jeder und Jede, ja wirklich alle, springen auf den gleichen Zug auf. Zumindest auf einen ähnlichen. Aber von vorne:

Fünfkampf: Das ist passiert

Annika Schleu, Anwärterin auf die Goldmedaille, bekam ein völlig ungeeignetes Pferd zugelost. Wechseln durfte sie nicht, weil der Wallach in der Vorrunde “nur” dreimal verweigerte und dann nicht mehr weiterlief. So kam es zu keiner vierten Verweigerung, Annika durfte das Pferd nicht tauschen. Sie musste mit dem sauren Pferd in den Parcours und ahnte bereits, dass das keine Glanzleistung wird. Klar, es kam wie man ahnte, das Pferd tat fast alles, um nicht zu Springen und stand am Ende in der gleichen Ecke wie mit der Russin zuvor. Statt vorwärts nur rückwärts, die Bundestrainerin brüllte “Hau drauf”, Annika nahm die Zügel in eine Hand und haute mit der Springgerte auf das Hinterteil des Pferdes – damit es vorwärts ging. Half nicht, wurde abgeklingelt. Zwischendurch haute auch noch die Bundestrainerin hinterm Zaun auf die Kruppe des Pferdes. Olympia-Aus für die Goldanwärterin.

Hier das Video dazu

Sorry, ich kann keines verlinken. Überall Schlagwörter wie “Eklat”, “Tierquälerin” und ähnliches. Das unterstütze ich nicht.

82 Millionen Pferdetrainer in Deutschland wissen es besser

Medien, Medienvertreter, Reiterinnen, Reiter, Bildungsbürger und Baggerfahrer – egal wer: Meinung haben fast alle, Ahnung nur wenige. Das machte sich übrigens auch schon bei den anderen Pferdesportarten und Olympia bemerkbar.

Annika Schleu hat hart für diesen Wettbewerb trainiert. Aufgrund Corona durfte die Reittrainerin nicht mit nach Tokio fliegen. Ich bin der Meinung, dass das nicht viel geändert hätte. Das Pferd war sauer, Punkt.

Bei der Russin sah das ähnlich aus, nur dass diese den Wallach noch fester anpackte. Und der russische Trainer hat bestimmt nicht gebrüllt “Streichel das Pferd übers Hindernis”. Ich kann leider kein russisch, aber die Mimik sprach Bände.

Während einem Wettbewerb dieser Größenordnung – noch mit Aufsicht auf Gold – liegen die Nerven blank. Die Wortwahl war sicherlich nicht die schlaueste im medialen Zeitalter. Aber hier von Tierquälerei zu sprechen, ist völlig überzogen. Zu sagen, als Profi behält man gefälligst die Nerven, ist dämlich. Annika und ihre Trainerin sind doch keine Roboter.

Der Fehler liegt beim Veranstalter und den Verantwortlichen für den Sport vor Ort

Das Pferd hätte gar kein zweites Mal antreten dürfen. Eigentlich überhaupt nicht. Ich sehe hier vor allem die Verantwortlichen in der Schuld. Das Tier war mit dem Parcours und der Situation überfordert. Definitiv nicht geeignet.

Als Antwort darauf lese ich auf einmal überall Ostwind-Zitate: Nur mit Vertrauen und Harmonie geht ein Pferd durch den Parcours.

Vertrauen ist Bullshit, Pferde springen auch aus Angst – mit Barren zum Beispiel. Vertrauen ist halt besser, aber machen wir uns nichts, vor, Pferderomantik ist halt nicht überall. Schön aber, wenn es möglich ist.

Für die Drüberstreichler: Barren statt Vertrauen funktioniert übrigens auch super

Was ich dazu am liebsten schreiben würde, lasse ich bleiben. Aber switchen wir doch mal einige Jahre zurück. Jahrzehnte. Da wurden die Springpferde zum Erfolg gebarrt. Einer, der es damit voll drauf hatte, trägt den Namen Schockemöhle. Was solls, der macht doch so schicke Designs, die Kollektion ist einfach zum Verlieben! Und steht Aramis diese Schabracke nicht wunderbar?

Das ist Barren

Beim Barren werden die oberen Stangen mit Nägeln versehen, damit sich das Pferd beim dranstoßen schön wehtut. Alternativ mit Eisenstange gegen die Vorderbeine geschlagen. Da zieht der Bock beim nächsten Mal die Beine besser an! Blutige Beine wurden damals schön mit Bandagen oder Gamaschen verdeckt.

Barren ist übrigens nun legitim und heißt touchieren

Ich zitiere: “Pferde springen, ein Mann – leicht als Paul Schockemöhle zu identifizieren – schlägt mit einer Holzstange gegen die Beine der Pferde. Das Video, das als „Barr-Affäre“ in die Annalen des Reitsports eingegangen ist, erschütterte 1990 Deutschland. Plötzlich kannte jeder das Wort „barren“. Es war im Sommer 1990, als erstmals die Weltmeisterschaften mehrerer Disziplinen als „Weltreiterspiele“ in Stockholm stattfanden.” Bild und Text findet ihr bei St. Georg.

Ich zitiere weiter: “Auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) reagierte. Es wurde getagt. Es wurde diskutiert. Aus „barren“ wurde „touchieren“ und das dann nicht mit armdicken Knüppeln sondern klar definiertem Gegenstand: nicht länger als drei Meter, maximal zwei Kilogramm schwer. Noch heute ist das Barren in Band 2 der Richtlinien für Reiten und Fahren klar definiert als eine Trainingsmethode für Pferde.”

Uhhhh. Das lasse ich mal so stehen.

Auch Medikamentenmissbrauch war und ist ziemlich gängig. René Tebbel, Vater von Olympiareiter Maurice, wurde dabei erwischt. Ich zitiere aus dem SPIEGEL: “Regelmäßig werden Spitzenreiter des Dopings überführt. Das Pferd von Europameister Eric Navet aus Frankreich hatte den Schmerzhemmer Cortison im Blut. Die Kontrolleure erwischten den Briten Nick Skelton ebenso wie den Emsbürener Rene Tebbel. Tiere des Holsteiners Tjark Nagel fielen innerhalb fünf Jahren gleich viermal bei Dopingkontrollen auf.”

Auf dem Teppich der Realität bleiben

Im Ernst: Da hat eine Reiterin versucht, ein Pferd, das in der Ecke parkt, zum Weitergehen zu bewegen. Übrigens ziemlich halbherzig. Gold war nämlich in weite Ferne gerückt, das war ihr da sicher bewusst. Ein Mensch hat nun mal Emotionen. Auch Profisportler. Das ist so, könnt ihr nachlesen. Die wenigen Gertenschläge sollten das Pferd auffordern, weiterzugehen. Eine Springgerte hat eine “Klatsche” vorne, die schön “klatscht”. Durch das Geräusch sollen die Pferde vorangetrieben werden. Eine dünne Dressurgerte tut übrigens mehr weh, by the way.

Ja, die Reaktion war sicher falsch. Annika hätte beizeiten aufgeben sollen. Rational gesehen. Die Bundestrainerin hätte das nicht brüllen sollen, sicher. Aber Tierquälerei? Also ehrlich. Nein. Annika hatte versucht, das Pferd aus der Ecke zu bewegen. Mit den Mitteln, die sie hatte. Da habe ich bei Lieschen Müller Schlimmeres gesehen.

Zuhause wurde das Pferd auch nie übers Hindernis gestreichelt

Ich denke da gern an meinen Springunterricht zurück. Ich ritt gelegentlich Pferde, die nicht wollten. Die konnten das, und ich konnte das reiten. Aber da waren gewiefte Ponys und schabernackige Warmblüter dabei. Ich bin in Cavalettis gekracht, weil Pony Kevin beim Absprung! nochmal den Stempel reingehauen hat. Ich flog über den Ponykopf, wenn Örnie nach dem Sprung eine Vollbremsung mit gesenktem Kopf gemacht hat. Ich hing an der rechten Sattelseite, weil der Russe so geschickt zwischen den Sprüngen bocken konnte. Ich saß beim Traber im Renngalopp hinterm Sattel ohne Zügel und musste vor der scharfen Kurve wieder nach vorne – weil er sich übersprungen hatte. Und nein, die Pferde waren allesamt gute Springer, wurden nicht gequält und hatten ein prima Leben. Meistens.

Aber es gab Tage, da lief das Zusammenspiel nicht so gut. Einige Schlaumeier testeten gern ihre Reiterinnen und Reiter aus. Und ja, die Springgerte war da durchaus ein Hilfsmittel. Und ja, das habe ich auch schon genutzt.

Wie geht es in den Freizeit- und Profiställen zu? Nein, ich spreche nicht vom Tiere verdreschen, nur vom Einsatz von Gerte und Sporen als tendenzielles Hilfsmittel. Schwarze Schafe ausgenommen.

Mit dem Strom schwimmen – klare Positionierung Fehlanzeige

Ich sehe keine klare Positionierung von Seiten der Profireiterinnen und Reiter, noch von den Verbänden, nur WischiWaschi. Sündenbock für den Schlamassel sind Annika und ihre Trainerin. Die Verbände zerreden die Schuldfrage, ich lese nur noch Zitate, die aus einem Pegasus-Albtraum entstammen: Reiten ist Tierquälerei, gehört ganz abgeschafft. Turniersport ist grausam. Pferde leiden im Profisport. Der Wallach hat nun Burnout. Man muss pferdeflüstern, damit es überhaupt springt. Reiter sind alle dekadent und dumm.

Und dazwischen sinnfreies Geblubber aus Verband und Verein: WIR können da ja nichts machen, das ist das Reglement. Fünfkampf gefälligst ohne Reiten! Da ist der andere Verband zuständig!

Annika Schleu ist keine Tierquälerin

Noch einmal: Es ist unmöglich, der Reiterin Tierquälerei zu unterstellen. Die Gerte als Hilfsmittel wird ständig eingesetzt. Wahlloses Prügeln ist etwas völlig anderes. Und das sehe ich leider ziemlich häufig: In Freizeitställen, auf Turnieren und anderswo.

Und ja, auch ich habe schon Pferde “verprügelt”. Pferde, die mich angestiegen haben, weil sie keine Erziehung genossen haben. Pferde, die rückwärts Richtung Graben marschiert sind, weil sie nicht galoppieren durften. Und vor lauter Wut auch als Teenie meine Traberstute, weil sie täglich! nachgefragt hatte, wer von uns denn der Chef ist. Wissen Menschen eigentlich, was Tierquälerei bedeutet? Das Wort wird ja schon inflationär eingesetzt.

Es ist wunderbar, wenn Menschen die Pferde als gottgleiche Geschöpfe sehen. Aber nicht jedem Pferd prankt ein Horn auf der Stirn, noch fliegt es über Hindernisse wie Pegasus himself. Die Reiterin und die Trainerin mit einem Shitstorm zu überziehen, mit Morddrohungen und wüsten Beschimpfungen ist widerlich und in keinster Weise angemessen. Es spricht aber Bände über die Gesellschaft und die Menschen hinter den Bildschirmen, und leider auch über die Medien.

Verbände & Medien in der Pflicht

Die Verbände sind nun an der Reihe, das Debakel zum Wohle aller aufzulösen und sich schützend vor eine Bundestrainerin und ihren Schützling zu stellen. Zu sagen, dass das Verfahren der Auslosung oder die Wahl der Pferde uncool ist, zu sagen, man müsste hier vielleicht mal was ändern. Fünfkampf ist eigentlich ein ziemlich cooler Sport. Nur mal so am Rande.

Auch die Medien trifft sicher eine Mitschuld. Neutraler Journalismus, das war mal. Gibt halt nicht so viele Klicks. Das macht mich besonders betroffen, diese mediale Hetzjagd. RTL titelt bspw. “Pferd bei Olympia live im TV misshandelt”.

Verbände, Profis, Influencer und Blogger positionieren sich fast alle auf dem gleichen Gleis, was wirklich sehr scheinheilig ist. Für die Wendy-Pferdewelt mag das wunderbar sein, so verständnisvoll! Aber die Realität ist eine andere. Ich bleibe daher lieber der Realität treu. Gibt halt nicht so viele Likes.

Annika Schleu hat ihr Bestes gegeben.


Dieser Beitrag gehört zur Rubrik “Meinung”. Selbstverständlich darfst du derer anderer sein. Ich betone noch ausdrücklich, dass unnötige Gewalt gegen Pferde, Tiere im Allgemeinen, verabscheuungswürdig ist. Ich möchte auch nichts verharmlosen, weil ich das Barren anführe. Ich möchte darauf hinweisen, dass Tierquälerei etwas völlig anderes ist und Hetzkampagnen gegen Menschen etwas Furchtbares sind. 

Titelbild: Copyright IOC/Matthew Jordan Smith

Schreibe einen Kommentar