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Reiter-Gewicht: Was darf eine Reiterin wiegen? Wie dick ist zu dick?

Das Gewicht von Reitern ist in aller Munde, sehr zur Freude von Diätdrink-Anbietern. Wieviel kann ein Pferd tragen? Wann ist ein Reiter zu dick für sein Pferd? Ist das Shetlandpony ein Gewichtsträger? Läuft der Traber noch mit einem Reitergewicht von 105 Kilo? Und 90 Kilo bei einem Mann sind ja gar nichts.

Als würde das Thema Gewicht nicht schon häufig genug durch die Medien getrieben werden, nun hat es auch die Reiterwelt erreicht. Facebook und Instagram befeuern die Thematik: Was sich früher nur an der heimischen Bande abgespielt hat, bekommt mit Screenshots mit zu dicken Reitern eine neue Gewichtung (Achtung, Wortwitz).

Hunderte Pferdefreunde echauffieren sich über dicke Mädchen und ihre Pferde, beklagen (manchmal durchaus zu Recht) Tierquälerei oder reden das Dicksein schön. Das Pferd ist groß, der kann die 120 Kilo schon tragen. Andere brüllen “Diskriminierung”, wenn Pferdebesitzer für ihre Pferde normalgewichtige Reitbeteiligungen suchen, die nicht mehr als 75 Kilo auf die Waage bringen.

Aber welches Gewicht dürfen Pferde denn nun eigentlich tragen?

Ursprünglich wurden Pferde nicht als Reit-, sondern als Lasttiere oder Zugpferde genutzt. Daher können Pferde im Verhältnis wesentlich mehr Ziehen als Tragen. Großen Pferden, Kaltblütern und Isländern wird nachgesagt, viel Gewicht tragen zu können. Gewichtsträger.

Das ist nicht korrekt. Nur weil ein Pferd groß ist, einer bestimmten Rasse angehört oder schwere Lasten ziehen kann, ist es noch lange kein Gewichtsträger.

Natürlich können Pferde auch schwere Lasten tragen: Im Krieg, bei der Bundeswehr oder zu Transportzwecken bepackt(e) man die Pferde mit viel Gewicht, 100 Kilogramm oder mehr. Aber diese Packpferde waren bzw. sind im Schritt unterwegs. Zudem wackelt das Packgewicht nicht unkoordiniert auf dem Pferderücken herum und will womöglich noch Springen, Galoppieren und Quadrillen reiten.

Wie fundiert ist die 20% – Regel eigentlich?

Alte Regelungen aus dem Militär besagen, dass Pferde nicht mehr als 20 Prozent ihres Eigengewichts tragen sollen. Diese Regelung basiert nicht auf wissenschaftlichen Fakten. Dafür finden sich Beurteilungen, die erklären, dass Pferde und Mulis rund ein Drittel ihres Gewichts tragen können (wir gehen immer noch von Lasttieren und nicht von Freizeitpferden in schneller Bewegung aus!).

Aber die 20-Prozentregel hinkt noch aus einem ganz einfachen Grund: Stellt euch mal vor, das Pferd hat signifikantes Übergewicht. Heißt das jetzt automatisch, dass es mehr tragen kann? NEIN, ganz klar nein. Da schleppt das Pferd nicht nur das Reitergewicht herum, sondern auch noch sein Übergewicht in Fett- statt Muskelmasse.

Das sagen wissenschaftliche Studien

Ein starker Rücken kann entzücken

Eine wissenschaftliche Studie aus Island macht zwei Punkte deutlich: Die Islandpferde, die mit steigendem Gewicht besser umgehen konnten, hatten einen starken (sehr gut bemuskelt) und breiten Rücken.

Je schwerer der Reiter, je schwerer tut sich das Pferd

Zudem zeigen weitere Studien eindeutig, dass schwere Reiter für Pferde schwer zu tragen sind. Es ist beispielsweise eindeutig, dass die körperliche Belastung des Pferdes sehr hoch ist, wenn der Reiter 30 Prozent des Pferdegewichts überschreitet – im Vergleich zu den genannten 20 Prozent.

Pferde lahmen unter schweren Reitern

Eine britische Studie unter der Leitung von Dr. Sue Dyson, Spezialistin für Equine Orthopädie bei Animal Health Trust, wertete das Reitergewicht und die Auswirkungen anhand verschiedene gewichtiger Personen aus.  Anhand des Body-Mass-Index wurden die Testreiter als leicht, normal, schwer und sehr schwer eingestuft. Beim schweren und sehr schweren Reiter wurden die Testläufe im Sattel vorzeitig abgebrochen, die detaillierte Auswertung war nicht möglich, weil die Pferde aufgrund des hohen Gewichts anfingen zu lahmen.

WICHTIG Darum ist der BMI kein Maßstab in Sachen Reitergewicht

Ein Reiter kann dick sein, ohne viel zu wiegen. Ein Reiter kann schlank und muskulös sein, aber genauso viel wiegen wie der korpulente Reiter – der einfach kleiner ist. Daher können normalgewichtige und zu schwere Reiter ähnliche BMIs haben. Anstatt BMI müssen wir das Gewicht als entscheidenden Faktor werten.

Die Körpergröße und die damit verbundene Verteilung ist der Schlüssel, aus Gründen der einfachen Physik: Kraft ist gleich Masse mal Beschleunigung. Daher hat – aus erwähnten physikalischen Gründen – das Reitergewicht direkten Einfluss auf die Kräfte, die über den Sattel auf den Pferderücken wirken. Die Balance und der korrekte Reitersitz sind zusätzlich wichtige Indikatoren für kräftesparendes Reiten. Ausführlich könnt ihr das übrigens hier nachlesen.

Wer gut trainiert ist und seine “Masse” an Gewicht daher gut ausbalancieren kann, ist außerdem im Vorteil.

Welche Pferde eignen sich als “Gewichtsträger”?

Pferde, die gut bemuskelt (die richtigen Muskeln, Traberreiter aufgepasst – Traber von der Bahn sind trainiert, aber nicht für Reitergewicht!) und konditioniert sind, sind grundlegend im Vorteil. Kurze, kräftige Rücken und stabile Beine sind weitere Indikatoren. Schmale, unbemuskelte Pferde mit zierlichem Körperbau sind nicht für zu dicke Reiter gebaut. Aber auch Kaltblüter sind nicht automatisch Gewichtsträger – das sind Arbeitstiere, die schwere Lasten ziehen können. Auch für sie gilt in erster Linie Gesunderhaltung durch korrekte Muskulatur.

Islandpferde sind per se nicht einfach Gewichtsträger, allerdings ist der Typ “quadratisch, stabil und kompakt” durchaus dafür größere Lasten zu tragen als zierliche Warmblüter mit langem Rücken. Die Rasse allein ist aber kein Freifahrtsschein, sich mit 110 Kilo aufs Pferd zu schwingen.

Wieviel Kilo kann ein Traber tragen?

Pauschal sagen kann ich das nicht, auch wenn einige gern hören würden, ein Traber darf 90 Kilo tragen. Traber gibt es in verschiedenen Größen, einige stehen im Quartertyp, andere sind sehr zierlich und wieder andere sehen aus wie ein Warmblut. Es gibt sogar Ponygrößen unter Trabern.

Gesunde Pferde mit guter Muskulatur können Reiter mit 90 Kilo gut tragen, wenn das Verhältnis passt. Die 90 Kilo sehe ich allerdings nicht auf 1,50 m Körpergröße verteilt, sondern eher ab 1,80 aufwärts. Ansonsten ist der punktuelle Druck sehr hoch, meist passt dann auch der Sattel nicht richtig zum Reiter-Po. Das ist dann die nächste Problemzone.

Dann ist die nächste Frage: Was will ich denn mit dem Pferd machen? Übergewichtige Reiter, die wenig, aber gesunderhaltend Reiten, fallen in eine andere Kategorie als Reiter, die Leistungssport im Sattel mit Übergewicht treiben.

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178 cm Körpergröße und ein Gewicht von damals 67 Kilogramm auf einer 158 cm großen Traberstute (hier 24 Jahre) mit kurzem Rücken und Maßsattel.

Ab wieviel Kilo sollte ich nicht mehr Reiten?

Auch das ist zu pauschal: Wer zwei Meter groß ist und gern reitet aber kein Übergewicht hat, wird das passende Pferd finden. Wer pauschal sagt, ach, ich bin zwar nur 1,70 m groß aber wenn ich 1,90 m groß wäre, wäre das ja das gleiche Gewicht – das ist falsch gedacht, siehe Punkt mit dem BMI.

Meine Traberstute bin ich problemlos über Jahrzehnte mit einem Gewicht von ca. 65 Kilo geritten, zwischendurch wo ich auch mal 10 Kilo mehr. Das war die Obergrenze. Jetzt würde ich sie so nicht mehr Reiten, nach den Schwangerschaften sind es nämlich einige Kilos mehr. Mein Mann, knappe 1,90 groß, schlank, hatte sich für einige Meter Schritt zurück zum Stall auf sie gesetzt. Man merkte deutlich, dass sie sich sehr anstrengen musste. Da wäre das Pferd-Reiter-Verhältnis nicht okay gewesen, auch wenn mein Mann keine 90 Kilo auf die Waage brachte.

Ganz wichtig: Ein passender Sattel – sonst multipliziert sich das Problem mit dem Reitergewicht!

Realität ist kein Fatshaming

Übergewicht ist nicht gesund, weder für Reiter noch für Pferde. Einige Kilos (unter 10) sind mit Sicherheit nicht so wild. Ich sehe es kritisch, dass nach Fatshaming, Diskriminierung und Bodypositivity gerufen wird, wo Kritik fürs Übergewicht anfällt. Übergewicht schadet der Gesundheit. Meist nicht sofort, aber langfristig. Bei Reitern leidet das Pferd eben mit: Woher kommen all die lahmenden Pferde, Kissing Spines, frühe Arthrose uvm. heutzutage?

Ich sage nicht, dass Abnehmen leicht ist. Im Gegenteil, das kann echt schwierig sein, vor allem jenseits der 40. Aber der Gesundheit zuliebe prüft bitte realistisch, was ihr auf die Waage bringt und was ihr dem Pferd zumuten könnt. Pauschal sagen, ein Pferd kann das oder das tragen, ist nicht seriös. Formeln zum Berechnen sind es ebenso wenig. Fakt ist: Übergewicht beim Reiter macht die Pferde krank. Bei starkem Übergewicht geht das schnell, bei mittlerem Übergewicht gibt es eben Langzeitschäden.

Mein Rant gegen zu dicke Reiter

Ich sehe in meiner Umgebung Reiter(-innen, die meisten, leider), die mit über 120 Kilo aufs Pferd steigen. Reiterinnen, bei denen der Hintern aus dem Sattel quillt. Reiterinnen, die aufgrund von Übergewicht nicht in Balance sitzen können. Ich sehe ihre Pferde laufen, angestrengt, schwer keuchend, taktunrein, die Augen aufgerissen.

Das ist kein Fatshaming, das ist Tierquälerei. Wer zu dick ist, hat im Sattel nichts verloren. Entschuldigt meine Direktheit, aber was ich in Ställen in der Umgebung, auf Facebook oder Instagram sehe, macht mich wirklich wütend. Da werden die Augen vor der Realität verschlossen.

Aber nicht umsonst gibt es Reithosen jetzt bis zu Größe 56. 56! WARUM? Warum muss ich mich in dieser Konfektionsgröße aufs Pferd quälen? Das ist nicht okay. So einfach ist das. Und auch wenn ich noch in die Reitleggins in 2XL passe – das ist kein Grund, mich aufs Pferd zu setzen. Nur weil es diese Größen mittlerweile im Fachhandel gibt.

Love yourself – and stay healthy

Leider höre ich immer wieder, dass es nicht so schlimm ist, wenn man dick sei. Man solle seinen Körper lieben.

Nein. Nein, das soll man nicht. Man soll sich selbst lieben, ein kleiner, feiner Unterschied. Und wer sein Pferd liebt, nimmt ihm zuliebe ab, wenn das Übergewicht zu stark ist. Klar kann man das übergriffig finden, wenn jemand einen darauf hinweist, zu schwer für sein Pferd zu sein. Manchmal ist das auch wirklich bösartig. Aber oft ist das eher die Sorge um das Tier, und der andere hat vermutlich lange überlegt, ob und was er sagen soll.

Klar, jemandem einfach so aufs Brot zu schmieren, er sei zu dick, ist nicht okay. Wenn es das Tierwohl betrifft, sehe ich das anders. Und nein, ich meine jetzt nicht die kleinen Speckröllchen nach dem Weihnachtsessen. Ich rede von “zu schwer fürs Pferd”.

Wann ist man zu schwer fürs Pferd?

Ab 10 Kilo Übergewicht sollte man darüber nachdenken, seinen Lebensstil zu ändern. Ab 15-20 Kilo Übergewicht sollten Reiter zu Fuß gehen, manchmal auch eher, das kommt wieder auf das Pferd-Reiter-Verhältnis an). Generell sollten ReiterInnen die 100 Kilo keinesfalls überschreiten. Und wie gesagt, 100 Kilo auf 1,95 sind anders zu betrachten als bei einer Größe von 1,65.

Anzeichen dafür, dass ein Reiter zu schwer für sein Pferd ist

  • Das Pferd schwankt beim Aufsitzen und sucht die Balance
  • Das Pferd läuft lahm oder taktet
  • Das Pferd macht staksige Schritte, um das Gewicht zu stemmen
  • Das Pferd ist schnell erschöpft
  • Das Pferd schwitzt unter leichter Anstrengung stark
  • Das Pferd atmet schwer nach 20 Minuten leichter Bewegung
  • Das Pferd stolpert häufig
  • Das Pferd reißt die Augen weit auf, die Ohren sind angelegt
  • Das Pferd bockt oder legt sich hin, um dem Gewicht zu entgehen
  • Das Pferd knirscht mit den Zähnen
  • Das Pferd läuft hinten breitbeinig und tritt nicht unter
  • Das Pferd knickt beim Aufsteigen mit der Kruppe weg
  • Das Pferd läuft nicht im normalen Tempo
  • Das Pferd drückt den Rücken weg

Einige der oben genannten Punkte sprechen auch für andere Dinge. Daher es wichtig, das Zusammenspiel im Ganzen zu betrachten und Krankheiten auszuschließen. 

Übrigens: Gewichtsbelastungen von 25 % mehr der Körpermasse eines Pferdes gelten nach momentanen Wissensstand als tierschutzwidrig.


Wer sich mit Gewicht und Gewicht halten auseinandersetzen möchte, dem darf ich dieses Buch empfehlen (Affiliatelink):

 

 

Quellenverzeichnis

  •  www.horsesoficeland.is
  • britische Studie unter der Leitung von Dr. Sue Dyson, Spezialistin für Equine Orthopädie bei Animal Health Trust
  • https://www.tieraerzteverlag.at/vetjournal/gewichtiges-problem-pferd

Der Einfachheit halber verwende ich häufig die männliche Form in diesem Text. Es sind alle Geschlechter angesprochen. Erlaubt es der Textfluss, baue ich die weibliche Form ebenso mit ein. 

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Isabella

    Hi Kuchenerbse, toller Beitrag. Das ist ja wirklich ein ganz schwieriges Thema. Ich denke es mir aber auch soo oft, wenn ich andere Reiter*innen sehe … oh oh, das arme Pferd. Ich kann wirklich nicht verstehen, wie man sich da nicht selbst Gedanken drüber machen kann. Aber das anzusprechen ist halt einfach oftmals kritisch, kommt aber immer total auf die Person drauf an. Bei uns im Stall war letztens der Tierarzt mit einer speziellen Tierwaage da, um die Pferde zu wiegen, und da haben wir kurzerhand einen “Witz” draus gemacht, und alle Reiter mussten sich auch wiegen. Das war meiner Meinung nach eigentlich echt eine gute Aktion, weil dadurch manchen einfach mal bewusst wurde … okay, vielleicht sollte ich mal ein bisschen besser auf mein Gewicht achten. So wurde keiner direkt angesprochen, aber ich glaube es hat wirklich was bewirkt.
    Liebe Grüße
    Isabella

    1. Kuchenerbse

      Liebe Isabella,
      danke für dein schönes Feedback. Dass ReiterInnen sich im gleichen Zug auf die Waage stellen, finde ich gut.
      Ich glaube, ein Problem ist auch das unzureichende Feedback im Alltag. In den sozialen Medien wird Bodypositivity ja sehr gehyped, aber oft falsch verstanden. Dadurch verzerrt sich das Selbstbild, dick sein sei ja nicht schlimm. Fürs Pferd machen die Kilos schon etwas aus. Und für die eigene Gesundheit. Das merke ich ja selber 🙂 LG

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