Interview-Reihe: Ellen Vierhaus im Gespräch mit dem Traberblog

Endlich! Wie angekündigt, beginnt heute die Interview-Reihe mit spannenden Traber-Menschen aus aller Welt. Ich freue mich, als ersten Interviewpartner Ellen Vierhaus vorzustellen.

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Ellen Vierhaus & Mister Whoo

Ellen Vierhaus züchtet zusammen mit ihrem Mann Stephan seit Jahrzehnten Töltende Traber. Den offiziellen Beginn machte der Töltende Traberhengst „First Step“ (früher Syndikat Diamond), er wurde 1995 zur Körung vorgestellt und ins Rheinische Pferdestammbuch aufgenommen. Das Ehepaar Vierhaus ist außerdem Mitbegründer der Interessengemeinschaft Töltende Traber – und ist mittlerweile eine Institution im Gangpferdesport.

 

Der Traber: „Frau Vierhaus, wie sind Sie auf den TRABER gekommen?“

Ellen Vierhaus: „ Im Grunde war das reiner Zufall. Durch die Zeitschrift „Pony Post“ von Ursula Bruns und ihre damalige „Beeinflussung“ im Bereich Gangpferde wollte ich unbedingt Islandpferde reiten. Es wurde dann doch erst ein Fjordpferd.

Etwas später, es müsste 1977 auf der Equitana gewesen sein, sahen wir ein Schaubild mit vier Töltenden Trabern aus Reken. Zuvor wurde noch in der „Pony Post“ über diese Rasse berichtet, doch da zweifelte ich noch.

Mit Anfang 20 beeindruckte mich dann ein Wanderreiter mit seinen Trabern: Alle waren leistungsstark, alltagstauglich, gelassen und mit Gangvermögen ausgestattet. Eine seiner Stuten – Dobby – kaufte ich ihm schließlich ab. Mit ihrem leichtfüßigen Tölt, dem bequemen Galopp und ihrer unerschrockenen Art hatte sich mich nachhaltig beeindruckt. Dobby und ich absolvierten viele Wander- und Distanzritte.

 

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Ausdauernd, freundlich und menschenbezogen: Traber.

Der Traber: „Welcher TRABER hat Sie am meisten beeindruckt?“

Ellen Vierhaus: „Ich hatte das große Glück, schon viele gute Traber unterm Hintern zu haben und jeder hatte natürlich seine eigenen Highlights. Meine erste Stute Dobby (von Victory Kid) war ein Fünfgänger, die fliegende Galoppwechsel beherrschte und hat sich nie erschrak.

„Jedes Kind könnte mit dem gekörten Hengst decken“

Ihre Tochter Joska (aus Lutmilo) war ein tolles kleines Westernpferd, sehr rittig mit einem super Galopp und leichtrittig und ausbalanciert.

Spotti (Grenfell von Pergamos) war in der Gruppe etwas „vordrängend“, aber ein super lockerer Geländetölter mit einem Ruhepuls von 32 und einem gigantischen Schritt (Walk). Zudem war  er ein nervenstarkes Trailpferd.

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Spotti, hier mit Ellen im Trailparcours.

First Step, den wir immer noch besitzen (Jahrgang 1990, von Diamond Way), ist ein sehr hübsches  freundliches und einfach zu reitendes fünfgängiges Traumpferd mit sehr ausdrucksvollen Gängen. Er lief eine Saison auf der Apassionata im „Feuerbild“ – und jedes Kind könnte mit dem gekörten Hengst decken, so brav ist er im Umgang.

 

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Quick Step, Nachkomme von First Step, beim Ringstechen.

In allen möglichen Disziplinen war First Step hoch platziert, hat jedoch nie gewonnen.
Aus First Step und Joska zogen wir Quick Step, einen wunderbaren Viergänger mit sehr guten Gangarten sowie hervorragendem Charakter – wie alle Traber!

Mein leider viel zu früh gegangener, an Leberzirrhose erkrankter Val Kilmar (Fuchshengst, gekört, von Dylan Lobell) war ein sehr leichtrittiger bequemer Viergänger mit einem  wunderbaren, einfachen, auch in Kurven sehr stabilem Renntölt. ich werde ihn nie vergessen.

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Val Kilmar – bequem und schnell.

Mister Whoo (von Joint Venture), ein hübscher entspannter Viergänger, mit eher unspektakulärem Gangwerk, ist ein freundliches Freizeitpferd. Er ist prima geeignet für mittlerweile ältere Damen wie mich.

Alle Traber sind und waren alltagstaugliche Freizeitpferde für jeden Tag, den Eifelwanderritt und vieles mehr! Die Pferde meines Mannes habe ich hier nicht aufgezählt, da kämen auch noch mehr zusammen!“
 

Durch die höhere Geschwindigkeit hat ein Traber viel Schub- aber wenig Tragkraft“

Der Traber: „Welchem TRABER (oder anderem Pferd) würden Sie gern einmal den Huf schütteln?“

Ellen Vierhaus: „Ich hätte gern den einen oder anderen Deckhengst einmal live gesehen, wie zum Beispiel  Diamond Way oder Lucky Hanover. Aktuell würde ich gerne eines der letzten größeren Gestüte, gern in den USA oder Frankreich, sehen und dort alle Pferde anschauen. In Deutschland gibt es leider nur noch wenige große Gestüte, der Trabrennsport ist hier nicht mehr so populär wie in anderen Ländern.“

Der Traber: „Worin unterscheidet sich ein TRABER von anderen Pferden?“

Ellen Vierhaus: „Ein Traber ist für das Trabrennen und die damit verbundene große Übersetzung gezüchtet. Sein natürliches Gleichgewicht findet er in der höheren Geschwindigkeit, dadurch hat ein Traber viel Schub- und wenig Tragkraft. Das ist auch der Grund, warum ihm alle verkürzten Gänge und die „Versammlung“ schwerer fallen.

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Ein Fohlen aus eigener Nachzucht mit guter Hinterhand.

Die meisten Traber besitzen eine Gangveranlagung. Dadurch kann er häufig nicht nur schneller traben und Pass laufen, als andere Pferde galoppieren können. Er löst die anderen Gänge damit quasi auf. Das macht es dem Reiter sehr schwer für klassische Dressurarbeit.

„Die lange Gymnastizierung ist ein absolutes Muss“

Es gibt tatsächlich einige Traber, die regelrechte „Bewegungslegastheniker“ sind, die der Reiter erst einmal länger an der Hand, der Longe oder mit Geländeschwierigkeiten arbeiten muss. So erhalten die Pferde ein Gefühl für den korrekten Einsatz der Hinterhand – außerhalb des Schiebens. Viele Traber werden deshalb – und wegen ihrer Gänge – in AUs* als Ataktiker „krankgeschrieben“.

Die Fahrerei macht die Traber natürlich sehr steif – Stichwort Besen verschluckt – und sie fallen zudem extrem über die Schulter. Die lange Gymnastizierung ist ein absolutes Muss!

Ein weiteres Manko ist oft die steile Hinterhandwinkelung der Pferde. Anatomisch gesehen, sind viele Traber leider überbaut. Zur Veranschaulichung: Hinten große Räder, vorne kleine Räder – dadurch entsteht ein sehr schlechtes Gleichgewicht. Aber auch Exemplaren mit langer, steiler Hinterhandwinkelung fehlt es meist an Tragfähigkeit. Der Grund liegt in der Selektion, gezüchtet wird natürlich auf entsprechende  Schubkraft und große Übersetzung.

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Diese braune Stute besitzt eine etwas steilere und wenig gewinkelte Hinterhand.

Ein weiteres Handicap sind durch das Fahren entstandene Maul- und Zungenprobleme, die der Reiter geduldig und mit gerechter Hand und aussetzenden feinen Hilfen wegarbeiten muss. Hierüber könnte man ganze Bücher füllen!

„Traber sind harte, ausdauernde und arbeitswillige Pferde“

Absolut positiv sehe ich Traber als harte, ausdauernde und arbeitswillige Pferde. Sie sind intelligent und machen durch ihre Gutwilligkeit einiges wett, was ihnen körperlich schwer fällt. Ein sehr guter schneller Wanderreitschritt, Gangveranlagung, bequemer, aber gelaufener Galopp machen sie zu wertvollen Freizeitpartnern; dabei werden diese Pferde oft sehr alt und bleiben lange gesund. Traber stehen für einen tollen, menschenbezogenen und rücksichtsvollen Charakter!“

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Gelassene Töltende Traber im Showbild.

Der Traber: „Welchen Tipp geben Sie TRABER-Reitern mit auf den Weg?“

 Ellen Vierhaus: „Die Ausbildung eines Trabers kann nicht mit der eines Warmbluts verglichen werden. Der  Reiter muss häufiger nachdenken und damit unkonventionellere Wege gehen, viel Geduld und Zeit mitbringen. Dabei ist immer auf das Feedback des Pferdes zu achten! Die Gymnastizierung eines Trabers braucht Zeit. Wichtig dabei: Keine starke Anlehnung verlangen, mit aussetzenden Hilfen arbeiten, nicht zu viel „einschnüren “ und „quetschen“ – das hält er nicht aus.

„Dressurpferde piaffieren auch eher selten nach einem Jahr Ausbildung“

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass gut passende Sättel mit großer Auflagefläche verwendet werden sollten. Der Rücken ist oft empfindlich, überhaupt sind Traber eher „dünnhäutig“ und zeigen ihre Stimmungen sehr deutlich. Auffallend ist auch, dass sie ihren Unmut durch vorhergehende Ungerechtigkeiten des Reiters auch ausleben. Dazu muss man nur ihre Mimik beobachten.

Ganz wichtig ist für Traber eine artgerechte Auslaufhaltung, die Tiere benötigen einen großen Individualabstand!

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Ein gut gebauter Diamond Way – Nachkomme.

— Zusatzfrage —

Der Traber: „Wie viel Zeit wird für die Grund- und Töltausbildung eines ehemaligen Trabrennpferdes eingeplant?“

Ellen Vierhaus: „Auf jeden Fall einige Monate, das kommt immer aufs Individuum, Vorgeschichte sowie spezielle Problematik an.

Ausbildung hört nie auf. Und nie kommt ein Reiter an den Punkt, an dem er selber oder das Reitpferd „alles kann“. Wir empfehlen, ein Pferd erst einmal mindestens ein Jahr korrekt und  biomechanisch sinnvoll dreigängig zu reiten. Erst, wenn die Hilfen angenommen werden, die Seitengänge klappen und der Rücken im Trab locker schwingt, fangen wir mit der Töltausbildung an.

„Traberbesitzer sollten mit einem Profi zusammenarbeiten“

Der Traberbesitzer sollte mit einem Profi arbeiten, der auch ein Händchen und die Erfahrung für Töltende Traber hat. Wir kalkulieren mindestens 3 Monate für den Tölt, dann erhält man ein für dieses Pferd ideales Tempo. Natürlich sollte das Reiter-Pferd-Paar auch entsprechend Begabung mitbringen, ansonsten kann das Eintölten auch etwas länger dauern. Anfangs tölten die Pferde häufig im mittleren gemäßigten Tempo, für das versammelte Tempo und den Renntölt benötigt der Traberreiter weitere Zeit.

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Stephan Vierhaus im Tölt. Wer seinen Traber eintölten will, sollte immer einen Profi zu Rate ziehen.

Hier ziehe ich gerne das Beispiel eines Dressurpferdes heran – diese piaffieren auch eher selten nach einem Jahr Ausbildung. Und zu guter Letzt: Eine biomechanisch korrekte Körperhaltung ist unbedingt zur Gesunderhaltung des Pferdes anzustreben.“

Der Traber: „Ellen Vierhaus, herzlichen Dank für Ihre ausführlichen Antworten und Ihre Zeit.“

 

Wer nun auf den „Töltenden Traber – Geschmack“ gekommen ist, kann sich hier näher informieren:

Gangpferde Vierhaus

 

*AU: Ankaufuntersuchung (Anm. der Redaktion)

Bilder: Alle Bilder wurden freundlicherweise von Ellen Vierhaus zur Verfügung gestellt. Die Bildrechte liegen bei Familie Vierhaus. Jegliche Nutzung oder Vervielfältigung ist ohne das schriftliche Einverständnis untersagt.

Anmerkung: Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in auf dieser Internetseite bzw. in diesem Interview auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung wie z. B. Reiter/ Reiterinnen verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung für beide Geschlechter.

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